Der Gascogner - die geheimnisvollste Operette Suppés

Suppés zweite große Operette in der Nachfolge des Boccaccio ist in mehrerlei Hinsicht geheimnisvoll. Zum einen ist es der Stoff selbst, entnommen dem Roman Das Teufelsschloss von Eugène Sue, des französischen Romanciers und "Erfinders" des Fortsetzungsromans in Tageszeitungen. Geheimnisumwittert auch die Entstehung der Operette. Keiner seiner bisherigen Biographen (Otto Keller 1905, Otto Schneiderreit 1982, H.D. Roser 2007) wussten zu berichten, dass der Librettist (und Komponist) Richard Genée (Fledermaus, Eine Nacht in Venedig, Fatinitza, Boccaccio, Bettelstudent u.v.m.) den gleichen Stoff selbst schon einmal 1856 für seine Oper Polyphem oder ein Abenteuer auf Martiniqe vertont hatte. Warum Genée aber diesen Stoff dann 25 Jahre später nochmals einem anderen Komponisten zur Vertonung überlassen hat, konnte auch sein Nachfahre Pierre Genée in dessen jüngst erschienenen Biographie über seinen Vorfahren nicht erläutern. Und völlig geheim, weil in der Versenkung verschwunden, ist auch die Musik, von der man heute, außer einer selten aufgenommenen Ouvertüre und eines einzigen, später beschriebenen Beispiels, nichts mehr kennt. Immerhin habe ich noch aus einem alten Klavierheft aus dem Jahre 1925 zwei Titel daraus gefunden.

Das Textbuch des Gascogner wurde in jüngerer Zeit eher negativ beurteilt und die Frage aufgeworfen, ob sich der Stoff für eine Operette überhaut eigne. Roser meint, Genée und sein Mitautor F. Zell hätten sich "bei der Dramatisierung des Romans übernommen oder vielleicht gar nicht die richtige Wahl bei der Vorlage getroffen". Schneidereit schreibt von "einer zur Grenze der Albernheit liegenden Handlung" und bezeichnet das Libretto "bestenfalls als dürftigen Nachklang der früheren Wiener Zauberposse". Einige zeitgenössische Kritiker argumentieren ähnlich: der Theater Figaro bezeichnet die Romanvorlage als "keinen gerechten Operettenstoff" und die Wiener Zeitung meint, dass ein Roman von Sue "kaum Stoff für eine Operette biete(t)". Es gibt aber auch gegenteilige Stimmen; so beschreibt die Morgenpost das Textbuch als "nicht nur reich an Handlung und Abwechslung sondern auch viel vernünftiger, als Textbücher dieser Art zu sein pflegen". Außerdem besitze es den Vorzug, der Musik einen ungewöhnlich reichen Spielraum zu gönnen… Das Weltblatt preist bei dem vorgegebenen Stoff die "köstliche Figur des gascognischen Ritters Croustillac […] und das gewandte Spiel der Herzogin von Monmouth als weiblicher Blaubart…" Vielleicht war es ja letztere Eigenschaft, die als Assoziation zu Offenbachs Blaubart die Autoren zu diesem Stoff bewegten. (Der genaue Handlungsablauf kann in der Werksbeschreibung Der Gascogner nachgelesen werden).

Über die Musik kann man bei Hans-Dieter Roser "zwischen den Zeilen" lesen, Suppé habe sich diesmal von besonders vielen und berühmten Vorbildern inspirieren lassen, so z. B. vom Fliegenden Holländer, von Fra Diavolo und Martha sowie von Rossini und Donizetti. Otto Schneidereit bezeichnete die Musik als die zum Interessantesten gehörend, was Suppé bis dahin geschaffen habe, jedoch hafte der Komposition zuweilen eine Ernsthaftigkeit an, welche das Publikum eher befremdete als begeisterte. Auch die zeitgenössische Kritik, welche die Musik zumeist positiv beurteilt, weist immer wieder auf die Opernhaftigkeit des Werkes hin. Beispielsweise rechnet eine dieser Kritiken die Musik "nicht etwa dem leichten Genre" zu und meint, sie erweise sich als "eine im edleren Stil gehaltene romantische Oper, welche eben höheren künstlerischen Ansprüchen zu entsprechen strebt". Eine im Grundsatz eher hämische Kritik des Theater Figaro kann sich aber nicht so ganz zwischen Lob und Tadel entscheiden. Sie bezeichnet die Musik als "keine echte Operettenmusik", wirft ihr einen uneinheitlichen Charakter vor und charakterisiert sie neben "romantisch, lyrisch elegisch" auch als "gewaltsam humoristisch". Nichtsdestoweniger sei sie aber eine in allen Teilen gut anzuhörende Musik, in der sich zwar wenig Eigentümlichkeit, aber eine energische Kompositionskraft geltend mache…

Leider gibt es, wie bereits anfangs erwähnt, so gut wie keine Hörbeispiele aus dieser Operette, an denen man die hier angeführten Kritiken messen könnte. Eine von zwei Ausnahmen bildet die selten eingespielte Ouvertüre (mir sind nur zwei Einspielungen bekannt). An ihr kann man einige der oben angeführten Charakterisierungen erkennen. Sie ist in weiten Teilen in der von Schneiderreit so bezeichneten Ernsthaftigkeit gehalten. Sie beginnt romantisch in Moll, wird dann dramatisch und "lyrisch elegisch". Nicht so ganz dazu passen will ein Marsch in C-Dur. Es ist jener Marsch, bei dessen Beurteilung sich die zuletzt angeführte Kritik des Theater Figaro letztlich selbst disqualifiziert, indem sie behauptet, Suppé habe seinen Fatinitza-Marsch etwas umkomponiert. Denn dieser Gascogner-Marsch, man mag es eher bedauern, ist keinem anderen unähnlicher als eben jenem aus Fatinitza.

Mit einer Ausnahme hat auch kein Musiktitel aus dieser Operette Eingang in spätere Bearbeitungen von Suppés Werken gefunden, wie das etwas bei Donna Juanita oder Afrikareise der Fall war. Diese Ausnahme betrifft den Walzer der Mary (Nr. 9, Arie) mit dem Text "Wonnig und mild, winket mein Bild". Dieser Walzer erscheint im 3. Akt der 3-aktigen Neubearbeitung der Banditenstreiche als Teil eines Liedes des Malandrino mit dem Titel "Selig und mild". Im originalen Gascogner ist er so etwas wie der Schlager der Operette. Zur weiteren Beurteilung der Musik blieb mir dann nur noch, wie schon zuvor bei anderen vergessenen Werken Suppés, der Klavierauszug.

Mein Eindruck aufgrund dieses Studiums ist, dass man diesmal diesem Werk den "Vorwurf", Suppé habe sein Publikum geradezu mit Melodien überschüttet, nicht machen kann. Das liegt wohl an dem "höheren künstlerischen Ansprüchen", welche Suppé angestrebt haben soll, worauf er möglicherweise eine eher verhaltene Melodik bevorzugt hat. Populäre Musiktitel, welche einer erfolgreichen Operette zu Eigen sind, hat dieses Opus wenig anzubieten. Dennoch finden sich trotz der gelegentlichen Ernsthaftigkeit viele humoristische Titel in dieser Partitur - das bringt schon die Figur des Croustillac mit sich, der mit stoischer Überheblichkeit alle an ihn gerichteten Warnungen in den Wind schlägt und dadurch etwas von einem grotesken Don Quijote an sich hat, allerdings ohne dessen Tragik. So gesehen scheinen mir Stoff und Musik durchaus für eine (der komischen Oper nahegerückten) Operette geeignet zu sein.

Neben dem bereits erwähnten Walzer haben noch einige andere Titel sicherlich ihre Qualitäten, so etwa das Lied des Gouverneurs aus der Introduktion, die sehr temperamentvolle Entree-Arie der Cascarita, die sehr schöne Romanze des Herzogs, die auch in der Ouvertüre vorkommt oder die sehr lustige Entree-Arie des Croustillac, in welcher er die Angeberei etwa eines Barinkay aus dem Zigeunerbaron bei Weitem in den Schatten stellt. Ein weiterer Höhepunkt dürfte das Duett im Plapperstil zwischen Croustillac und dem Herzog sein, von welchem H. D. Roser meint, dass es seinerzeit sicher alle Rossini-Fans im Publikum erfreut haben dürfte.

Obwohl auch die Finale, wie bei fast allen "großen" Suppé Operetten, von der Kritik mehrheitlich besonders hervorgehoben wurden, entwickeln sie nicht die Durchschlagskraft wie etwa die des Boccaccio oder auch der Donna Juanita.

Naturgemäß ist eine gerechte Beurteilung nur aufgrund eines Klavierauszuges schwierig und das, was der bereits oben zitierte Theater Figaro einräumt, dass die Orchesterbegleitung oft einen besseren künstlerischen Geist verrate, kann leider nicht nachvollzogen werden. Dennoch habe ich beispielsweise bei Donna Juanita auch nur aufgrund des Klavierauszuges Musiktitel entdeckt, die aufhorchen lassen - solche Spitzen blieben beim Gascogner leider aus.

Letztendlich kann ich daher eine Ansicht der Insbrucker Nachrichten vom 02.03.1885 (also 4 Jahre nach der Erstaufführung) nicht teilen, wonach der Gascogner (welcher derzeit in Italien gegeben werde, wo er wegen seiner Melodienfülle auf dem Repertoire stehe) Die Afrikreise (1883) bei weitem übertreffe.

Uwe Aisenpreis, 03.09.2017

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